Montag, 12. September 2011

Beobachtungen

Noch war die Wirklichkeit nicht bei ihr angekommen, noch beobachtete sie sie lediglich durchs verhangene Fenster - erstaunt und neugierig. Die Tür aber hielt sie fest verschlossen.
Mitunter machte die Wirklichkeit Anstalten, näher zu kommen und klopfte forsch ans Fenster. Dann fühlte sie sich, als drücke jemand mit aller Kraft ihr Inneres zusammen. Nur wenige Sekunden hielt sie dem Schmerz stand, dann wandte sie den Blick ab, verschloss die Augen und Ohren so lange, bis sich die Wirklichkeit wieder entfernt hatte und eine erträgliche Distanz zwischen ihnen entstanden war.

Flüchtige Wahrnehmungen

Früher Morgen. Eine stark befahrene Straße, eine ankommende Straßenbahn.
Ein Mann, rennend, den gehetzten, leicht verzweifelten Blick fest auf die Straßenbahn geheftet, hypnotisierend. Er rennt, als sei es ungewohnt, für ihn und seine Beine, sich auf diese Weise fortzubewegen. Seine ganze Haltung drückt Unsicherheit aus.
Die Straßenbahn nicht aus den Augen lassend, setzt er einen Fuß auf die Straße. Doch sein fragendes Zögern kann sich nicht hinwegsetzen über die selbstbewusst heranbrausenden Autos. Er zieht den Fuß zurück, ohne den Blick von der Bahn abzuwenden.
Triumphierend verbeugt sich die Unsicherheit: Der Mann unternimmt keinen weiteren Versuch, sich mit dem Verkehr zu messen. So groß ist seine Resignation, dass er nicht das einladende Langsamwerden unseres Autos bemerkt.
Wir fahren vorbei.
Der Rückspiegel erzählt den Rest: Eine Lücke zwischen den Autos nutzend, gelingt es ihm schließlich, die Straße zu überqueren. Ich halte die Luft an, wünsche ihm das kleine Wunder. Gerade als er die Hand nach der Tür ausstreckt, setzt sich die Bahn schwerfällig in Bewegung, gleichgültig gegenüber dem Schicksal, das da neben ihren Gleisen steht.
Der Rückspiegel verstummt, der Mann und sein hilflos ausgestreckter Arm sind verschwunden.

Dieser Moment jedoch bleibt.

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